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Schweizer Wasser mit Blasen

PFAS im Schweizer Trinkwasser: Was die Messungen zeigen

OrellTrinkwasser Schweiz8 Min. Lesezeit

Wer hätte gedacht, dass ein Glas Hahnenwasser so viel Chemie-Geschichte in sich trägt? PFAS, die per- und polyfluorierten Alkylverbindungen, stecken in Pfannenbeschichtungen, Regenjacken und Feuerlöschschaum. Man nennt sie «Ewigkeitschemikalien», weil die Kohlenstoff-Fluor-Bindung zu den stabilsten der organischen Chemie gehört: Was einmal in der Umwelt ist, baut sich praktisch nicht mehr ab. Und irgendwann landet ein Teil davon im Grundwasser.

Wie viel davon in der Schweiz am Hahn ankommt, wusste lange niemand so genau. Seit Herbst 2023 gibt es dazu erstmals belastbare Zahlen. Wir haben uns den Bericht der Kantonschemiker vorgenommen und erzählen Ihnen hier, was drinsteht.

Warum heute die Summe zählt

Früher schaute man bei der Trinkwasserkontrolle auf einzelne Stoffe, meist auf PFOS und PFOA, die beiden am besten untersuchten Vertreter der Gruppe. Das hat sich mit einer Stellungnahme der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit vom 17. September 2020 geändert. Das EFSA-Gremium legte eine gemeinsame tolerierbare wöchentliche Aufnahme (TWI) für die Summe von vier PFAS fest, nämlich PFOA, PFOS, PFNA und PFHxS: 4,4 Nanogramm pro Kilogramm Körpergewicht und Woche.

Spannend ist, worauf sich dieser Wert stützt. Die EFSA nannte als kritischen Effekt nicht Krebs, sondern eine schwächere Antikörperbildung nach Impfungen, also eine messbare Wirkung aufs Immunsystem schon bei sehr kleinen Mengen.

Die EU hat daraus die Konsequenz gezogen. Die Trinkwasserrichtlinie (EU) 2020/2184 enthält einen Summenwert von 0,1 Mikrogramm pro Liter für 20 ausgewählte PFAS. Die Schweizer Trink-, Bade- und Duschwasserverordnung (TBDV) kennt diesen Summenwert noch nicht, sie regelt drei einzelne PFAS. Dazu kommen wir weiter unten. Für Ihren Haushalt heisst das: Die spannende Frage lautet heute nicht mehr «Wie viel PFOS?», sondern «Wie viel insgesamt?».

Was die Kantonschemiker 2023 gefunden haben

Der Verband der Kantonschemiker der Schweiz (VKCS) liess 2023 insgesamt 564 Trinkwasserproben aus der Schweiz und dem Fürstentum Liechtenstein in fünf kantonalen Laboratorien analysieren. Zusammen decken diese Proben die Versorgung von rund 70 Prozent der Schweizer Bevölkerung ab. Eine grössere Messreihe zu PFAS im Schweizer Hahnenwasser kennen wir nicht.

Die Ergebnisse, die der VKCS am 12. Oktober 2023 in einer Medienmitteilung zusammengefasst hat, sind grösstenteils beruhigend. In 306 der 564 Proben, also in 54 Prozent, war gar kein PFAS nachweisbar. Keine einzige Probe lag über den heute geltenden Schweizer Höchstwerten. Fünf Proben, rund 0,9 Prozent, überschritten allerdings bereits den EU-Summenwert von 0,1 µg/l. Der VKCS hat die betroffenen Wasserversorgungen informiert und ihnen empfohlen, ihre Bezügerinnen und Bezüger zu orientieren. Verpflichtet sind sie dazu nicht, denn der EU-Wert ist in der Schweiz kein geltendes Recht.

Ein zweiter Befund ging in der Berichterstattung fast unter: Trifluoressigsäure (TFA) wurde in 560 der 564 Proben gefunden, das sind rund 99 Prozent. TFA ist das kleinste Mitglied der PFAS-Familie und entsteht unter anderem beim Abbau fluorierter Pflanzenschutzmittel und Industriechemikalien. Es fällt weder unter die Schweizer Einzelwerte noch unter den EU-Summenwert. Wir kommen darauf zurück.

Wo die Hotspots liegen

Die Kantonschemiker haben gemessen, was nach Aufbereitung und Verteilung aus dem Hahn fliesst. Im Untergrund sieht es weniger sauber aus. Das Bundesamt für Umwelt (BAFU) hat 2021 an rund 550 Messstellen des Grundwasser-Monitorings NAQUA nach PFAS gesucht und an knapp der Hälfte davon Spuren gefunden. An etwa einem Viertel der Stellen lag die PFAS-Summe über 0,01 µg/l, an rund 2 Prozent über 0,1 µg/l.

Das heisst nicht, dass 2 Prozent des Trinkwassers über dem Summenwert liegen. Grundwasser wird oft aufbereitet, gemischt oder verdünnt, bevor es in die Leitung kommt, und die 0,9 Prozent aus der Kantonschemiker-Kampagne passen dazu. Es zeigt aber, wie verbreitet PFAS im Boden und im Grundwasser inzwischen sind.

Wo die Werte hoch sind, ist die Ursache meistens bekannt. Das BAFU schreibt: «Im Einzugsgebiet fast aller NAQUA-Messstellen, an denen die Summe der PFAS 0.1 µg/l im Grundwasser überschreitet, sind nach Informationen der kantonalen Fachstellen in der Vergangenheit PFAS-haltige Feuerlöschschäume eingesetzt worden.»

Wie das im Grossen aussieht, zeigt eine Karte, in der man sich gut eine halbe Stunde verlieren kann: die Karte des Forever Pollution Project. Journalistinnen und Journalisten aus ganz Europa haben dafür 2023 Messdaten von Behörden und Forschenden zusammengetragen. Sie zeigt über 23’000 Orte, an denen PFAS nachgewiesen wurden, und 21’500 Orte, an denen wegen früherer oder heutiger Industrie ein Verdacht besteht. Schauen Sie ruhig nach, was in Ihrer Nähe liegt. Eine aktualisierte Fassung der Daten führt inzwischen der PFAS Data Hub des CNRS, der die Schweiz ebenfalls abdeckt.

Beim Lesen der Karte helfen zwei Schwellen. Als belasteter Standort gilt ein Ort ab 10 Nanogramm pro Liter, als Hotspot einer ab 100 Nanogramm pro Liter, ein Wert, den die beteiligten Fachleute als gesundheitlich bedenklich einstufen. 100 Nanogramm pro Liter sind übrigens genau 0,1 µg/l, also dieselbe Zahl wie der EU-Summenwert für Trinkwasser von weiter oben.

Für die Schweiz zählte das Projekt 134 Hotspots. An der Spitze stehen das Goms im Wallis mit 14’569 ng/kg (gemessen 2021), Langenthal BE mit 5’684 ng/kg (2014) und Rifferswil ZH mit 5’636 ng/kg. Hier lohnt sich ein zweiter Blick auf die Einheit: Das sind Nanogramm pro Kilogramm Boden, nicht pro Liter Wasser. Der Goms-Wert entspricht rund 14,6 Mikrogramm PFAS in einem Kilo Erde. Er zeigt, dass der Boden dort stark belastet ist, sagt aber nichts direkt darüber, was im Goms aus dem Wasserhahn fliesst. Neben die 0,1 µg/l im Trinkwasser lässt er sich deshalb nicht einfach stellen.

Was eine solche Altlast trotzdem anrichten kann, zeigt der Stockalperkanal im Unterwallis. Im März 2023 hat der Kanton dort das Fischen verboten: Von 98 untersuchten Fischen hielten 46 Prozent die neuen PFAS-Höchstwerte der EU nicht ein, 18 davon lagen mehr als zehnmal darüber. Als Ursache nennt der Kanton belastetes Grundwasser unter der ehemaligen Raffinerie in Collombey und dem Chemiestandort Monthey. Zum Trinkwasser sagt die Mitteilung nichts.

Die Liste der Hotspots wirkt beinahe wie aus dem Lehrbuch: ehemalige Feuerwehr-Übungsplätze, Industrieareale, alte Deponien, Flächen mit ausgebrachtem Klärschlamm. Von dort sickern PFAS sehr langsam, aber stetig ins Grundwasser und unter Umständen weiter in eine Trinkwasserfassung. Dass die Stichprobe der Kantonschemiker trotzdem überwiegend gut ausfiel, hat einen einfachen Grund: Die meisten Fassungen liegen weit weg von solchen Orten.

Was in der Schweiz gilt und was kommt

Massgebend für das Hahnenwasser ist die Trink-, Bade- und Duschwasserverordnung (TBDV), für die das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) zuständig ist. Sie setzt drei einzelne Höchstwerte:

  • PFOS: 0,3 µg/l
  • PFHxS: 0,3 µg/l
  • PFOA: 0,5 µg/l

Diese Werte sind älter als die EFSA-Bewertung von 2020. Das BLV überprüft sie und will sich dabei am EU-Summenwert von 0,1 µg/l für 20 PFAS orientieren. Ein Datum, ab wann neue Schweizer Werte gelten, nennt die BLV-Seite (Stand 19. März 2026) noch nicht.

Etwas weiter gefasst ist der Aktionsplan zum Umgang mit langlebigen Chemikalien wie PFAS, den der Bundesrat am 19. Dezember 2025 beschlossen hat. Bis Ende 2027 soll das Departement für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation (UVEK) mit den Kantonen Massnahmen ausarbeiten: weniger neue Einträge, schnellere Sanierung belasteter Standorte, einheitlicheres Monitoring. Die Richtung stimmt also. Wie lange es dauert, bis ein Schweizer Summenwert in Kraft ist, steht noch nicht fest.

Was die Zahlen offenlassen

Eine gute Statistik ist schön, aber sie beantwortet nicht alles. Drei Punkte sollten Sie im Hinterkopf behalten.

TFA

Trifluoressigsäure hat nur zwei Kohlenstoffatome und ist damit das mit Abstand kürzeste PFAS-Molekül. Es gehört nicht zu den 20 PFAS der EU-Summe und hat in der Schweiz keinen eigenen Höchstwert. Gleichzeitig zeigen die Resultate der Kantonschemiker TFA in 99 Prozent der Proben. Wie TFA langfristig toxikologisch einzuordnen ist, wird noch erforscht.

Eine Momentaufnahme aus 2023

Die 564 Proben stammen aus einem Jahr. Was bei kleineren Versorgungen, über die Jahreszeiten oder nach einem Wechsel der Wasserbezugsquelle passiert, zeigen sie nicht. Eine Wiederholung der Messungen ist Teil des Aktionsplans des Bundesrats, einen Termin dafür gibt es noch nicht.

«Nicht nachweisbar» heisst nicht «null»

Ein Labor kann nur messen, was über seiner Bestimmungsgrenze liegt, also über dem tiefsten Wert, den das Verfahren zuverlässig erfasst. Liegt ein Stoff darunter, steht in der Statistik «nicht nachweisbar», obwohl Spuren vorhanden sein können. Für die heutigen Höchstwerte spielt das keine Rolle. Wenn die Werte strenger werden, kann es eine spielen.

Was Sie selbst tun können

Die Messungen von 2023 sind kein Grund zur Panik: Die geltenden Schweizer Höchstwerte werden überall eingehalten. Ganz entspannt zurücklehnen sollte man sich trotzdem nicht, denn der Massstab wird strenger, es werden mehr Stoffe gemessen, und die Hotspot-Karte ist nicht leer.

Am einfachsten fangen Sie bei Ihrer Gemeinde an. Wasserversorgungen müssen ihre Kundschaft mindestens einmal im Jahr über die Qualität des Trinkwassers informieren. Meistens finden Sie dort die TBDV-Einzelwerte für PFOS, PFOA und PFHxS, manchmal auch schon die Summe der 20 PFAS nach der EU-Richtlinie 2020/2184. Der Bericht verrät auch, woher Ihr Wasser kommt, und das ist für die PFAS-Frage fast das Wichtigste.

Wenn Ihnen dort etwas auffällt, fragen Sie ruhig nach: Welche PFAS wurden gemessen, mit welcher Bestimmungsgrenze, an welcher Stelle im Netz und wann zuletzt? Eine Wasserversorgung kann das sachlich beantworten.

Wer sein Wasser zusätzlich direkt am Hahn aufbereiten möchte, hat verschiedene Möglichkeiten. Laut der US-Umweltbehörde EPA entfernen Hochdruckmembranen wie die Umkehrosmose typischerweise über 90 Prozent eines breiten PFAS-Spektrums, kurzkettige Verbindungen eingeschlossen. Aktivkohle hält PFOS und PFOA gut zurück, lässt kurzkettige PFAS aber teilweise durch. Wenn TFA in 99 Prozent der Schweizer Proben steckt, ist dieser Unterschied nicht ganz unwichtig.

Für die meisten Haushalte in der Schweiz ist das Trinkwasser 2026 gut. Wer in der Nähe eines bekannten Hotspots wohnt oder von einer der fünf auffälligen Versorgungen beliefert wird, schaut am besten selbst genauer hin.